RATGEBER

CNC-Programmierung für Einsteiger
— Ihr erstes G-Code-Programm

Sie stehen zum ersten Mal vor einer CNC-Maschine und sollen ein Programm schreiben? Dieser Praxisleitfaden führt Sie Schritt für Schritt von der leeren Datei zum fertigen Werkstück — mit einem vollständigen Beispielprogramm, das Sie sofort testen können.

10 Min. Lesezeit Aktualisiert: März 2026

Was ist CNC-Programmierung?

CNC-Programmierung bedeutet, einer Werkzeugmaschine in ihrer Sprache — dem G-Code — mitzuteilen, welche Bewegungen sie ausführen soll. Jedes NC-Programm ist eine Abfolge von Befehlen: Bewege das Werkzeug hierhin, schalte die Spindel ein, fräse mit diesem Vorschub, bohre an dieser Position.

Während unser G-Code-Grundlagen-Guide die Theorie hinter den Befehlen erklärt, konzentriert sich diese Seite auf die Praxis: Sie werden am Ende dieser Anleitung ein funktionierendes Programm geschrieben haben, das eine einfache Kontur fräst.

Voraussetzung: Sie kennen die grundlegenden G-Code-Befehle (G00, G01, G02/G03). Falls nicht, lesen Sie zuerst unseren G-Code-Grundlagen-Guide.

Programmstruktur — Aufbau eines NC-Programms

Jedes NC-Programm folgt einer klaren Struktur — wie ein Kochrezept mit Vorbereitung, Zubereitung und Aufräumen:

1. Programmkopf (Header)

Programmnummer, Sicherheitsbefehle, Maßeinheit (G21 = mm), Koordinatenmodus (G90 = absolut), Nullpunktverschiebung (G54).

2. Werkzeugaufruf

Werkzeug wechseln (T01 M06), Spindel starten (M03 S...), Kühlmittel einschalten (M08), Sicherheitsposition anfahren.

3. Bearbeitung

Auf Startposition fahren, Z-Zustellung, Kontur fräsen mit G01/G02/G03. Gegebenenfalls mehrere Durchgänge mit verschiedenen ap.

4. Programmende

Z nach oben fahren, Spindel stoppen (M05), Kühlmittel aus (M09), Referenzposition anfahren, Programmende (M30).

Koordinatensystem verstehen

Bevor Sie ein Programm schreiben, müssen Sie das Koordinatensystem der Maschine verstehen. Bei einer CNC-Fräsmaschine gilt nach DIN 66217:

X

Links / Rechts

Y

Vorne / Hinten

Z

Oben / Unten

G90 (Absolut) — Alle Koordinaten beziehen sich auf den Werkstücknullpunkt. G01 X50.0 fährt zur Position X = 50 mm.

G91 (Inkremental) — Koordinaten sind Abstände relativ zur aktuellen Position. G01 X50.0 fährt 50 mm in +X-Richtung weiter.

Tipp für Einsteiger: Arbeiten Sie immer mit G90 (absolut) — inkremental ist fehleranfälliger, da sich Fehler aufaddieren.

Ihr erstes G-Code-Programm — Quadrat fräsen

Wir fräsen ein 50×50 mm Quadrat mit 3 mm Tiefe in Aluminium. Werkzeug: VHM-Schaftfräser Ø 8 mm, 3 Schneiden. Schnittdaten: vc = 200 m/min → n ≈ 7.960 U/min, fz = 0,08 mm → vf ≈ 1.910 mm/min. (Berechnet mit unserem Schnittdaten-Rechner.)

; --- Programmkopf ---
O1001                     ; Programmnummer
G21 G90 G17               ; mm, absolut, XY-Ebene
G54                       ; Werkstück-Nullpunkt 1

; --- Werkzeugaufruf ---
T01 M06                   ; Werkzeug 1 einwechseln
S7960 M03                 ; Spindel CW, 7960 U/min
M08                       ; Kühlmittel ein

; --- Anfahrt ---
G00 X-5.0 Y-5.0           ; Eilgang: Startposition XY
G00 Z5.0                  ; Eilgang: Sicherheitshöhe
G01 Z-3.0 F500            ; Eintauchen auf Tiefe 3 mm

; --- Kontur fräsen (Quadrat 50×50) ---
G01 X55.0 F1910           ; Seite 1: nach rechts
G01 Y55.0                 ; Seite 2: nach hinten
G01 X-5.0                 ; Seite 3: nach links
G01 Y-5.0                 ; Seite 4: nach vorne (Start)

; --- Programmende ---
G00 Z50.0                 ; Z nach oben (Sicherheit)
M05                       ; Spindel stopp
M09                       ; Kühlmittel aus
G00 X0 Y0                 ; Zurück zum Nullpunkt
M30                       ; Programmende + Reset

Warum X-5/Y-5 und X55/Y55? Der Fräser hat Ø 8 mm (Radius 4 mm). Mit Startkoordinaten von -5/-5 und Endkoordinaten von 55/55 fahren wir jeweils 5 mm über das Werkstück hinaus — so schneidet der Fräserumfang exakt auf der 0/50-mm-Linie. In der Praxis nutzt man Fräserradiuskompensation (G41/G42) für diese Korrektur.

Die 10 wichtigsten G-Codes für Einsteiger

Mit diesen 10 Befehlen können Sie bereits 80 % aller einfachen Bearbeitungen programmieren. Die vollständige Referenz finden Sie in unserer G-Code-Referenztabelle.

Code Funktion Beispiel
G00Eilgang (Positionieren)G00 X50.0 Y25.0
G01Linearinterpolation (Gerade)G01 X100.0 F500
G02Kreisbogen im UhrzeigersinnG02 X50 Y0 R25
G03Kreisbogen gegen UhrzeigersinnG03 X50 Y0 R25
G17XY-Ebene wählenG17
G21Metrisch (mm)G21
G54Werkstück-Nullpunkt 1G54
G90Absolutmaß-ProgrammierungG90
M03Spindel ein (CW)S5000 M03
M30Programmende + RücksetzenM30

5 Praxis-Tipps für CNC-Anfänger

  1. Sicherheitsabstand programmieren — Fahren Sie vor jeder XY-Positionierung mit G00 auf eine sichere Z-Höhe (z.B. Z50). Erst dann XY anfahren, dann Z-Zustellung. Niemals diagonal im Eilgang zum Werkstück!
  2. Programm im Trockenlauf testen — Jeden neuen Code zuerst im Trockenlauf (Dry Run) oder ohne Werkstück testen. Dabei die Geschwindigkeit über den Feed-Override auf 10 % reduzieren und am Bildschirm mitverfolgen.
  3. Kommentare schreiben — Kommentieren Sie jede Sektion mit einem Semikolon (;) oder in Klammern. In 6 Monaten werden Sie sich nicht mehr erinnern, warum Sie X-5 statt X0 gefahren sind.
  4. Schnittdaten berechnen, nicht raten — Verwenden Sie unseren Schnittdaten-Rechner oder die Herstellerkataloge. Falsche vc- oder fz-Werte führen zu Werkzeugbruch — lesen Sie auch unseren Guide zur Werkzeugbruch-Vermeidung.
  5. Generatoren als Lernhilfe nutzen — Unsere G-Code-Generatoren erzeugen sofort lauffähigen Code für Standardgeometrien. Studieren Sie den generierten Code, um die Programmierlogik zu verstehen.

5 typische Anfängerfehler — und wie Sie sie vermeiden

G20/G21 vergessen

Ohne explizites G21 (mm) interpretiert die Steuerung je nach Einstellung in Zoll — aus 50 mm werden dann 50 Zoll (1.270 mm). Immer G21 im Header setzen!

Eilgang (G00) diagonal zum Werkstück

G00 fährt alle Achsen gleichzeitig, aber nicht unbedingt linear — es kann zu Kollisionen mit Spannmitteln kommen. Lösung: Immer erst Z nach oben, dann XY, dann Z nach unten.

Vorschub (F-Wert) nicht angegeben

Ohne F-Wort in einem G01-Satz nutzt die Steuerung den letzten F-Wert oder stoppt. Den F-Wert immer im ersten G01-Satz angeben, danach bleibt er modal aktiv.

Spindel (M03) vergessen

Ohne M03/M04 dreht sich der Fräser nicht — die Maschine fährt trotzdem und das Werkzeug bricht durch die Lateralbelastung. Checkliste: T → M06 → S → M03 → M08 → dann erst verfahren.

G90/G91 Verwechslung

Im Inkrementalmodus (G91) bedeutet X50.0 „fahre 50 mm weiter", nicht „fahre zur Position 50". Bei einer Verwechslung verfahren die Achsen an falsche Positionen. Lösung: Arbeiten Sie als Anfänger ausschließlich mit G90 (absolut).

G-Code automatisch generieren

Unsere Generatoren erzeugen fertigen G-Code für Taschen, Lochkreise, Konturen und Gewinde — ideal zum Lernen und als Produktionsunterstützung.

Zu den Generatoren →

Nächste Schritte — Vom Einsteiger zum Fortgeschrittenen

Wenn Ihr erstes Quadrat erfolgreich gefräst ist, erweitern Sie Ihr Wissen systematisch:

Schritt 1: Lernen Sie Kreisinterpolation (G02/G03) — damit können Sie Bohrungen, Radien und Kreistaschen programmieren.

Schritt 2: Verstehen Sie Fräserradiuskompensation (G41/G42) — keine manuelle Offset-Berechnung mehr nötig.

Schritt 3: Nutzen Sie Zyklen für Bohrungen (G81–G89) und Taschen — sie verkürzen das Programm erheblich.

Schritt 4: Arbeiten Sie mit Unterprogrammen (M98/M99) für wiederkehrende Geometrien.

Häufig gestellte Fragen — CNC-Programmierung

Brauche ich CAM-Software oder reicht G-Code-Programmierung?
Für einfache Geometrien (Planflächen, Nuten, Bohrungen, Lochkreise) ist manuelle G-Code-Programmierung effizient und lehrreich. Für komplexe 3D-Konturen, Freiformflächen oder 5-Achs-Bearbeitung ist ein CAM-System unverzichtbar — die Werkzeugbahnen wären manuell nicht berechenbar. Empfehlung: Lernen Sie zunächst G-Code-Grundlagen, damit Sie CAM-generierten Code verstehen und optimieren können. Nutzen Sie unsere G-Code-Generatoren als Zwischenschritt.
Welche CNC-Steuerung soll ich als Anfänger lernen?
In Europa ist Siemens SINUMERIK (Modelle 808D bis 840D) am weitesten verbreitet, gefolgt von FANUC (international führend) und Heidenhain TNC (spezialisiert auf Fräsmaschinen). Der Kern-G-Code nach DIN 66025 / ISO 6983 ist bei allen drei Herstellern identisch — die Unterschiede liegen in Zyklen und Sonderfunktionen. Starten Sie mit dem ISO-Standard-Code (G00, G01, G02/G03, G90/G91) — dieser funktioniert auf allen Steuerungen. Unser Steuerungsvergleich zeigt die Unterschiede im Detail.
Was sind die häufigsten Fehler beim ersten G-Code-Programm?
Die Top-5-Anfängerfehler sind: 1) Falsche Maßeinheit — G21 (mm) vs. G20 (Zoll) vergessen. 2) Kollision durch falschen Sicherheitsabstand — immer erst Z nach oben fahren, dann XY positionieren. 3) Spindel nicht eingeschaltet — M03 vor dem Schnitt fehlt. 4) Vorschub F nicht programmiert — ohne F-Wort stoppt die Maschine oder fährt mit 0 mm/min. 5) Verwechslung von G90 (absolut) und G91 (inkremental) — prüfen Sie immer, in welchem Modus Sie arbeiten.

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